mit Steinen werfen

Wie lang ist eine Sekunde? Oft genug viel zu kurz. Einen Großteil meines Lebens würde ich längere Sekunden fordern, würde Lichterketten dafür organisieren. Jetzt scheinen sie zu stehen.
Tick.
Gähnende Leere.
Tack.
In diese Leere verlieren sich einsame Beats. Langweilig. Eine schöne Stimme hallt mir aus dem Nichts entgegen.
Ich bin gefangen. Im Glas- haus.
Eingelullt von deutschem HipHop. In schwereloser Un- endlichkeit schwebe ich wie in Zeitlupe zum Stop- und Aus- wurfknopf meines CD-Players. Ewigkeiten später stoppt die Musik und hallt noch ewig nach.
Puh.
Deutsche Musik von der langweiligsten Sorte. Aufwändig und gut produziertes Nichts. Gut für den hundertjährigen Schlaf. Wirkt absolut – sollte aber rezeptpflichtig sein. Mit Cassandra Steens (Sängerin im Glashaus) Soloalbum „Seele mit Herz“ verabreicht, kommt man einem Wachkoma bedrohlich nahe…

Unausgesprochen Bohème

Das Schlimme am sonntäglichen Braten ist, sind wir doch mal ehrlich, der daraus resultierende Eintopf am Montag. Gabs am Sonntag noch lecker-knackiges Gemüse mit Kassler, schwimmt das Ganze gestreckt in lauwarmem Wasser im tiefen Teller.
annettHin und wieder lege ich mir mal „Bohème“ von Annett Louisan auf. Heute nun kam ihr neues Album in die Läden. Unausgesprochen der Titel. Kaum aufgelegt, ist musikalischer Montag. Vor mir der tiefe Teller und darin Bohème – gesreckt. Schmeckt noch irgendwie nach Bohème, das ein oder andere Stück erinnert ganz ganz deutlich daran, doch es ist nicht originell. Bei ihrem Debüt konnte schon niemand so genau sagen, wieviele unterschieldiche Lieder da wohl drauf waren, jeztz sind höchstens zwei dazugekommen.
Das soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass da zum Teil sehr gute Texte zum Einsatz kommen. Aber alle eben im selben Lied. Großartige Ideen, wie die musikalische Bebilderung einer Spieluhr, auf der Annett puppenhaft zurechtgemacht und angemalt steht und singt, täuschen nicht darüber hinweg, dass die musikalischen Einfälle schon beim ersten Album ausgegangen sind.
Wer gute Texte mag, sollte dieses Album kaufen, wer musikalische Abwechslung sucht, hört sich lieber noch einmal drei Lieder Bohème an.

Mama mag ihn

Autsch. Mehr fühle ich im Moment nicht. Einfach nur Autsch. Um mich nicht aus Versehen blöd zu bewegen und noch mehr autsch zu machen, höre ich mir eines immerwieder an. Den Bandscheibenblues. Stefan Gwildis hat ihn ganz gut, auf der Scheibe „Komms zu nix“.

Du kannst nicht liegen, kannst nicht steh’n
nur gebückt nach vorne geh’n

Wirklich gute, handgemachte Musik. Überhaupt hat Gwildis einen guten Blues und das Zeug zur Soullegende. Als Geschenk für die Eltern ist er auf jeden Fall zu empfehlen, „Neues Spiel“ muss aber unbedingt auch ins eigene Regal. Ein Album voll mit Coverversionen, alle auf deutsch und großartig interpretiert. Endlich versteht man mal die Texte. Die Übersetzung orientiert sich mehr am Klang des enlischen Originals, als an seinem Sinn und wird so auf jeden Fall witzig. Und hat man über diese Musik erst mal den Einstieg gefunden, ist man angefixt und holt sich die gerade den Eltern geschenkte Gwildis-Platte wieder zurück. „Komms zu nix“ ist auf jeden Fall empfehlenswert. Sein neues Album „Nur wegen Dir“ mag ich nicht so. Jedenfalls nicht jetzt, wo ich mich kaum bewegen kann. Was allen Alben gemein ist, sie ansteckende gute Laune, die Lächelgarantie.

Der Nächste!

Seeed haben ihre neue Platte draußen. „Next“ heißt sie. Ich hätte gerne irgendwas gutes über sie geschrieben. Ich mag ihre Musik. Dancehall aus Berlin. Wirklich gut gemacht. Das Debüt „New Dubby Conquerors“ hat Maßstäbe gesetzt. Riddims, die noch ewig kopiert wurden, Lieder zum Mitsingen, deren Text man einfach kannte. Hymnen, wie Dickes B. oder mein Lieblingslied „Psychedelic Kingdom“, ein Lied das endlich wieder Lust auf Kiffen macht. Das Folgealbum „Music Monks“ erschien mir überstürzt und kam längst nicht an die Originalität ihres Vorgängers heran. Jetzt scheinen Seeed über nacht erwachsen geworden zu sein. „Next“ scheint aufwändig produziert, die Tracks klingen ausgetüftelt, die Technik ausgereizt. Allein das Material rechtfertigt kein neues Album. Die Lieder sind langweilig, „Aufstehn“ hat als einziges das Zeug zur Single, der Track „Next“ wirds auch noch versuchen und dann?
Schade Seeed.
Trotzdem eine gute Dancehall-Platte. Empfehlenswert für die Party, für den heimischen Player fehlen einfach einprägsame Lieder.