Endlich richtig mailen

Kürzlich kam ein Schreiben rein. Ich sollte doch nachweisen, was und wie lange ich im Mai 1993 und im Juli 1995 und womöglich auch dazwischen und danach gearbeitet habe. Sonst würde meine Rente falsch berechnet.
Erstens war ich damals 16 und zweitens bei einer direkt vom Berliner Senat bezahlten Stelle tätig. Ich hatte natürlich längst keine Unterlagen mehr, keine Rechnungen – wusste nichteinmal mehr meine damalige Steuernummer.

Letztens ging es um irgendwas Belangloses, eine E-Mailadresse eines Kumpels oder so. Sekundenbruchteile brauchte ich, um danach zu recherchieren.
Warum geht das nicht eigentlich auch mit den wirklich wichtigen Sachen?
Im Regal drängeln sich dicke Leitzordner und wöchentlich kommen neue „wichtige“ Dokumente hinzu. Wie sehr würde hier ein elektronischer Versand und eine elektronische Speicherung Sinn machen. Man könnte womöglich ganz leicht eine Kopie eines wichtigen Dokuments elektronisch verschicken, ohne sie aufwändig beglaubigen lassen zu müssen.

Ausgerechnet die Bundesregierung, Erfinder des Lauschangriffs und des Bundestrojaners und Befürworter zentraler Überwachung nimmt sich nun meines Problems an und möchte mit dem neuen D-Mail genannten Dienst all meiner wichtigen Papiere und zudem noch der Sicherheit und Verbindlichkeit meiner Kommunikation an:

Mit Bürgerportalen für einfach sichere, vertrauliche und verbindliche elektronische Kommunikation

Schon die Überschrift riecht nach Gängelung. So geht es im Aufsatz von Heike Stach hauptsächlich um die Verschlüsselung der Kommunikation während des Transports und der Vertrauenswürdigkeit der Kommunikationspartner.
Die vorgeschlagene Adresskonvention

<vorname>.<nachname>[.<nummer>]@<dienstanbieter>.zertIT.de

, also max.mustermann.32@gmx.zertit.de allein zeigt, wie hoch der Stellenwert des Users ist. Immerhin könnte ich mir ein Pseudonym anlegen. Um das zu kennzeichnen, hieße meine Adresse dann ps_cyberer@web.zertIT.de. Hurra!
Warum nicht gleich BTX-Adressen?

Keine Rede ist davon, wie ich beim Dokumentversand Echtheit nachweisen kann, wie ich meine dutzenden Leitzordner so in mein D-Mail-Postfach hineindigitalisieren kann, dass sie als Original anerkannt werden. Keine Rede ist davon, wie und von wem meine Daten überhaupt gespeichert werden sollen – nur, dass in teilnehmende Unternehmen nur

vertrauenswürdiges Personal und eben solche Betriebsprozesse zum Einsatz kommen

.
Ich glaube nicht, dass T-Online, ganz oben auf der Liste der D-Mail-Provider, sein Management gegen vertrauenswürdiges Personal austauscht – denn das T-Online Management hat die letzten Datenskandale zu verantworten.

Wie es oft ist – für ein Problem gibts auch eine Lösung. Hier schickt sich aber eine Gruppe inkompetenter vom elektronischen Verfolgungswahn besessener Provider-Lobbyisten an, einem selbstgemachten Problem mit einem als Lösung getarnten Gängelband beizukommen.